Ukraine-Krieg: Düstere Aussichten für Russlands Wirtschaft

In ihren offiziellen Äußerungen mag die russische Führung die Folgen der Sanktionen kleinreden. Vor allem Präsident Wladimir Putin versucht, das Bild einer unbeeindruckten Wirtschaft zu zeichnen, die durch die Abschottung vom Westen noch verstärkt wird. Auch der einflussreiche Erste Vizepremier Andrei Beloussov gab Ende August eine äußerst optimistische Prognose ab: Demnach werde der Rückgang des Bruttoinlandsprodukts in diesem Jahr weniger als drei Prozent betragen und im nächsten weniger als ein Prozent. Laut Mitteilung ist die Krise vorbei.

Katharina Wagner

Wirtschaftskorrespondent für Russland und die GUS mit Sitz in Moskau.

Aber es scheint viel realistischere Einschätzungen der Situation in und um die Regierung zu geben. Darauf deuten interne Dokumente hin, die in den vergangenen Wochen öffentlich gemacht wurden. Erstens berichtete Bloomberg Anfang September über ein Dokument, das für eine geschlossene Sitzung hochrangiger Regierungsbeamter bestimmt war. Im Vergleich zur Kreml-Propaganda klingt es geradezu apokalyptisch: In zwei von drei Szenarien wird die russische Wirtschaft das Vorkriegsniveau erst am Ende des Jahrzehnts oder noch später erreichen. Das „Stress-Szenario“ prognostiziert für das Jahr 2024 die Talsohle der Wirtschaft mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um 11,9 Prozent gegenüber 2021. Die Autoren gehen bei allen Modellen davon aus, dass sich der Sanktionsdruck verstärken wird, wenn weitere Länder beitreten dürfen.

Öl und Gas „sind keine Motoren der Wirtschaft mehr“

In einigen exportorientierten Branchen wie Öl und Gas, aber auch Metall, Chemie und Holz könnte es laut Bloomberg in der Zeitung in naher Zukunft zu „reduzierten Produktionsmengen“ kommen. Daher würden diese Sektoren “nicht mehr länger die Motoren der Wirtschaft sein”.

Wenn die EU 2027 wie geplant aufhört, russisches Gas zu kaufen, könnte dies ab 2030 einen Verlust von umgerechnet rund 6,6 Milliarden Dollar an Steuereinnahmen bedeuten, schreiben die Autoren. Dies führe zu einem „Systemungleichgewicht“, da die Exporterlöse die niedrigen heimischen Gaspreise nicht mehr kompensieren würden. In der Folge dürften Mittel fehlen, um die „Vergasung“ russischer Regionen, also die Gasversorgung bisher nicht erschlossener Gebiete, voranzutreiben. Auch mittelfristig halten die Autoren es nicht für möglich, verlorene Gasumsätze vollständig in neue Märkte umzulenken. Deshalb muss die Produktion reduziert werden. Ähnliche Folgen werden für das EU-Ölembargo prognostiziert: Es könnte zu drastischen Produktionskürzungen und Treibstoffknappheit in Russland selbst führen.


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