Aktualisiert24. August 2022, 13:34 Uhr
Friedlicher Abgang: „Nach 8 Stunden gehe ich, dann ist es mir egal, ob die Hütte brennt“
Ständige Überstunden, Erreichbarkeit in der Freizeit und fehlende Wertschätzung durch den Arbeitgeber – all das führt dazu, dass Arbeitnehmer „still und kündigen“. Zwei Menschen erklären, warum sie nur das Nötigste tun.
gehen
Chantal Gisler
Seline Bietenhard
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Netflix bei der Arbeit zu schauen, ist auch Teil von Quiet Quitting. Du suchst dir keine neuen Aufgaben, sondern genießt deine Freizeit, denn Überstunden werden oft nicht extra bezahlt. Ruhige Drückeberger tun bei der Arbeit nur das Nötigste.
20min/Michael Scherrer
Am Ende des Tages gehst du nach Hause, weil sich Überstunden nicht lohnen.
20min / Taddeo Cerletti
Du gehst pünktlich um 17 Uhr nach Hause, laut Quiet Quittern lohnt es sich nicht länger zu bleiben.
20min/Sonja Mulitze
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In der Schweiz ist der Trend „Quiet Quitting“ zu beobachten. Gleichzeitig leisten die Arbeiter bei ihrer Arbeit nur das Nötigste.
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Besonders häufig tritt das Phänomen bei Millennials und der Generation Z auf.
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Die Arbeitspsychologin Leila Gisin sieht in dieser Entwicklung eine Chance für ein bewussteres Leben.
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An Orten, an denen ein gutes Arbeitsumfeld herrscht, ist Quiet Quitting jedoch kein Problem.
Anstatt bei der Arbeit alles zu geben, unzählige Überstunden zu leisten und sich freiwillig für Abend- oder Wochenendschichten zu engagieren, nimmt die Zahl der Menschen zu, die nur das Nötigste tun. Laut einer Umfrage von „Resume Builder“ gehören 20 % der Arbeitnehmer in den USA zu den sogenannten „quiet quitters“.
Das Phänomen wird auch in der Schweiz beobachtet und ist in den letzten Jahren immer mehr zum Thema geworden. Die 36-jährige BB* aus dem Kanton Appenzell Ausserrhoden und die 26-jährige DB* aus dem Kanton Luzern haben sich entschieden, nur noch im Rahmen ihres Arbeitsvertrags zu arbeiten.
Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist wichtiger als die Karriere
«Ich arbeite in der Informatik, verdiene aber mit rund 2000 Franken zu wenig für meine Karriere. Die anderen Kollegen verdienen viel mehr“, sagt der 36-jährige BB. Am Ende beschloss er, nur so zu arbeiten, wie er es angesichts seines Gehalts für richtig hielt.
Als er seinem Arbeitgeber die Entscheidung mitteilte, nur noch das Nötigste zu arbeiten, sei er nicht sehr glücklich gewesen, sagt B. „Mein Chef war ziemlich mürrisch.“ Das musste dann aber sein Vorgesetzter hinnehmen, weil er sein Gehalt nicht mehr bezahlen konnte und auf seine langjährige Erfahrung angewiesen war. „Ich verlasse das Büro ständig nach acht Stunden Arbeit – die Hütte kann Feuer fangen, das ist mir egal“, sagt B. Aufgeben will der 36-Jährige aber noch nicht: „Für mich stimmt das “Ich brauche dafür nicht unbedingt Geld. Eine gute Work-Life-Balance und meine Gesundheit sind mir wichtiger als meine Karriere.”
mangelnde Wertschätzung
Wie die Luzerner DB sagt, sei sie sehr motiviert in den Job gestartet: «Ich wollte immer die Beste sein und dachte mir, dass es sich irgendwann definitiv lohnen würde.» Sie sei zum Beispiel morgens die Erste im Büro und abends die Letzte zu Hause, sagt D. Sie habe gehofft, dass ihr Arbeitgeber einen positiven Eindruck auf sie mache und ihr Engagement belohnt werde. Aber das ist nie passiert. „Ich habe Aufgaben erledigt, die nicht Teil meiner Arbeit sind, aber ich habe noch nie ein Danke gehört.“
Schliesslich ging er aktiv auf den Chef zu: «Ich schlug eine Gehaltserhöhung von 300 Franken vor, was sehr wenig war für die Menge an Mehrarbeit, die ich leistete.» Allerdings sei sie laut D. sofort von ihrem Chef gehetzt worden. eine andere Reaktion. “Ich war enttäuscht und frustriert. Seitdem mache ich nur noch das, was in meinem Vertrag steht, mehr nicht.” Er ist derzeit auf der Suche nach einem neuen Job. “Ich hoffe, dass ich wieder Vollgas geben kann.”
Fokus auf Gesundheit
Leila Gisin, Arbeitspsychologin und Professorin an der Hochschule Luzern, beobachtet seit langem das Phänomen der stillen Anerkennung in der Schweiz, insbesondere bei jüngeren Generationen. „Die Jungs haben von ihren Eltern gesehen, wie sich das Leben als Workaholics negativ auf ihre Gesundheit auswirkt, zum Beispiel in Form von Burnouts. Deshalb entscheiden sie sich gegen ein solches Leben“, erklärt er. „Dank unserer Smartphones sind wir sowieso immer erreichbar, aber jetzt bewegen wir uns in einer sehr ungesunden Gegend.“
Daher begrüßt der Psychologe Quiet Quitting, denn hier gönnen Sie sich eine Auszeit von Ihrer Arbeit. Jungen Menschen gehe es vor allem um ein bewussteres Leben, aber auch darum, von ihren Arbeitgebern wertgeschätzt zu werden, sagt Gisin. „Wenn im Job viel verlangt wird, aber keine Anerkennung kommt, kommt Frust auf. Man fragt sich, warum man das immer noch macht.“ Allerdings sei Quiet Quitting nicht auf alle Mitarbeiter übertragbar. „Wir erleben einen Wandel in der Arbeitskultur.“ Bis sich dieser jedoch branchenübergreifend durchsetzt, werden noch Jahre vergehen.
„Wo Mitarbeiter wertgeschätzt werden, ist stillschweigend kündigen kein Problem“
Unia-Mediensprecher Philipp Zimmermann verweist auf den erhöhten Leistungsdruck im Beruf. “In diesem Ausmaß hatte es das noch nie gegeben.” Einige Arbeitgeber haben übertriebene Erwartungen an ihre Mitarbeiter, z. B. dass sie 24 Stunden am Tag auf ihren Mobiltelefonen erreichbar sein müssen. „Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwinden immer mehr. Das ist ein Problem“, sagt Zimmermann.
Umso wichtiger ist es, dass die gesetzlichen Bestimmungen zum Schutz der Arbeitnehmer durchgesetzt werden. Es ist illegal, dass Mitarbeiter ständig oder sogar unbezahlt Überstunden leisten und jederzeit verfügbar sind. Überstunden können vorkommen, sollten aber die Ausnahme sein und nicht zu schnell passieren. «In Unternehmen, die ein normales und positives Arbeitsklima haben und wo sich die Mitarbeitenden wertgeschätzt fühlen, ist Quiet Quitting wohl kein grosses Problem», sagt die Unia-Sprecherin.
*Name den Verlegern bekannt
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