Plakate, Whatsapp-Nachrichten und Hausbesuche
Also versuchte der Milieu-Beizer, die Justiz zu erpressen
Das Datenleck des Zürcher Justizdepartements hatte schwerwiegende Folgen. Blick hat Dokumente, Bilder und Chatgeschichten, die zeigen, wie Milieu-Beizer Roland Gisler versuchte, Einfluss auf die Zürcher Justiz zu nehmen.
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Daten des Zürcher Justizdepartements führten zu Roland Gisler (58), einem Mann aus dem Raum Zürich mit mehreren Vorstrafen.
Nicola Imfeld Wirtschaftsredakteurin
Eine Sache ist, wie sorglos das Justizdepartement in Zürich mit hochsensiblen Daten umgegangen ist. Dass SP-Regierungsberaterin Jacqueline Fehr (59) bis heute versucht hat, den Fall zu vertuschen, ist eine andere. Vor allem die letzte Woche vom Blick aufgedeckte Affäre zeigt die Gefahr eines solchen Datenabflusses. Die Daten endeten bei Roland Gisler (58), einem mehrfach vorbestraften Mann aus dem Raum Zürich. Ihm gehört die Bar Neugasshof, die seit Jahrzehnten im Fokus der Polizei steht.
Pressekonferenz um 10 Uhr
Das erklärt Justizdirektorin Jacqueline Fehr am Dienstag um 10 Uhr. Live-Blic-Berichte.
Das erklärt Justizdirektorin Jacqueline Fehr am Dienstag um 10 Uhr. Live-Blic-Berichte.
Gisler versuchte mit den Daten die Justiz in Zürich zu erpressen und zu beeinflussen, weshalb die Staatsanwaltschaft gegen ihn ermittelt. Milieu-Beizer ist gerade unter anderem wegen Drogenhandels und illegalen Waffenbesitzes zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt worden. Er zog mit dem Entscheid vor Bundesgericht, weil er darin eine Rache der Zürcher Behörden für den Datenskandal sah.
Dem Blick liegen zahlreiche Dokumente, Bilder und Chatgeschichten vor, die zeigen, wie Gisler versuchte, Einfluss auf die Justiz zu nehmen. Er benutzte die Wohnadressen und Telefonnummern von Staatsanwälten, Richtern und deren Familien, die er angeblich auf den Festplatten des Zürcher Justizdepartements gefunden hatte.
Bild eines geschlachteten Schafs, das an die Frau des Staatsanwalts geschickt wurde
Gisler leitete konkret Staatsanwalt Felix K.* ein, der 2017 in einem anderen Fall strafrechtliche Ermittlungen gegen Gisler führte. Von Mai bis November 2020 kontaktierte Gisler K. und seine Frau immer wieder per Telefon oder WhatsApp. In einem dem Blick vorliegenden Chat-Verlauf schreibt Gisler, dass er bei seiner Familie eine Wohnung nebenan mieten würde. Zuvor schickte er ein Foto des Familienbriefkastens, das er vermutlich selbst gemacht hat.
Gisler schickte der Frau des Staatsanwalts Dokumente, von denen er glaubte, dass sie beweisen sollten, was für ein schlechter Mensch ihr Mann war. Am 28. November 2020 folgte ein aussagekräftiges Bild. Es zeigt Schafe und den Text: „Wir machen einfach, was sie sagen. Dann ist es schnell vorbei.“ Dann die Worte „60 Minuten später“ und ein Foto von geschlachteten Schafen.
In einer Zeugenaussage vom 6. Juli 2021 zeigte sich K. nicht überrascht von den Tatsachen, die Gegenstand des laufenden Strafverfahrens wegen Gewalt, Drohung und Erpressung sind. “Aus dem Verfahren, das ich gegen ihn geführt habe, wusste ich, dass Gisler oft privat auf Behördenvertreter zugegangen ist, auch auf seine Kinder.”
Hängende Transparente und Androhung von Demonstrationen
Auch den Zürcher Staatsanwalt Rudolf H.* hatte Gisler im Visier. Ab Mai 2020 besuchte er ihn mehrmals an seinem privaten Wohnort und erkundigte sich laut Staatsanwaltschaft Zürich in seinem privaten Umfeld nach H.. Im August soll Gisler eine Demonstration in der Wohngemeinschaft H. und ein Plakat mit Zeichnungen und verwirrenden Aussagen im Privatbereich und am Arbeitsplatz von H aufgehängt.
Neben Staatsanwälten hat Gisler auch mehrere Richter ins Visier genommen. In einem Fall soll er Plakate an die Privatadresse geschickt und mit Demonstrationen gedroht haben. Gisler rief auch die Mutter des Richters an.
Warum das alles?
Laut der Staatsanwaltschaft Zürich war das Ziel von Roland Gisler immer dasselbe: Er wollte das laufende Strafverfahren gegen ihn positiv beeinflussen. Immer wieder soll er angedeutet haben, umfangreiche Daten von ausrangierten Festplatten des Justizministeriums zu haben, doch offenbar nahm lange Zeit niemand die Drohung ernst.
Die Staatsanwaltschaft bezeichnet das Vorgehen als “praktisch mafiaartig”. Es handele sich um „einen schwerwiegenden Fall der Einflussnahme auf die Justiz“.
*Name den Verlegern bekannt