“Das weite Land” im Akademietheater: Auf das Wesentliche reduziert

Reduktion ist auf allen Ebenen angesagt: Auf Martin Zehetgrubers düsterer Bühne findet die Aufführung bis auf die Schlussszene vor einem dunklen, halbtransparenten Vorhang statt. Die einzigen Requisiten sind drei schwere lederne Clubsessel auf der Bühnenrampe, die im Raum versteckt sind. Das 1910 uraufgeführte Drama spielt sich buchstäblich zwischen Stühlen ab und verzichtet in dieser Koproduktion mit der Ruhrtriennale, wo das Stück im August uraufgeführt wurde, auf den ganzen Wiener Charme der Jahrhundertwende und den „Schein von Zusammenlebenskomfort“. .

“Wie Trüffelschweine haben wir diese Sätze seziert und versucht, das unglaublich weite und tiefe Innere der menschlichen Seele zu erforschen”, erklärte Katharina Lorenz, die eine kalte, selbstfremde Genia Hofreiter spielt, vor dem APA-Interview. Was Frey selbst in „Das weite Land“ interessiert, ist „das Netz, die verästelte Ausdehnung, das Facettenreiche, das Musical“, wie die Regisseurin sagt. “Es ist die Schönheit des Titels, die durch Eskalationen schwarz wird.”

Entsprechend düster ist die Stimmung zu Beginn, wenn der Flaschengeist hilflos in seinem Sessel hängt, aus dem er sich im ersten Akt nicht erheben wird. Nach und nach tauchen die schwarz gekleideten Gestalten, die gerade die Beerdigung des Pianisten Korsakov verlassen haben, hinter dem Vorhang hervor und betreten Hofreiters Villa, bis schließlich Michael Maertens gar nicht jovial, sondern verbrannt in sein emotional eingefrorenes Zuhause zurückkehrt. und der orientierungslose Glühbirnenfabrikant Friedrich. Wie jene Insekten, von denen in den zwischen den Akten aufgezeichneten wissenschaftlichen Clips berichtet wird, tauchen die Charaktere in die Leiche von Hofreiters Ehe ein, bis – wie Frey angekündigt hat – das einfache Skelett ans Licht kommt.

Übrig bleiben nur die nackten Verwicklungen von Schnitzlers Liebes- und Betrugsspiel. Die Karussellbeziehung dreht sich fast mechanisch, als wäre der Mensch vom Schicksal bestimmt und dazu verdammt, immer das größere Glück zu suchen, wenn ihn nur noch das Verderben erwartet. Neben der um Fassung ringenden Genia und dem erschöpften Friedrich wirken die junge Erna (erfrischend kokett: Nina Siewert) und der grüne Otto (Felix Kammerer) wie verdrehte Fliegen, die sich im feinmaschigen Spinnennetz verfangen. Website des Ehepaars Hofreiter.

Mit einer wunderbar tugendhaften Dorothee Hartinger als Frau Wahl und einem sehr korrekten Itay Tiran als Dr. Wall haben die beiden ihr Spiegelbild spiegelverkehrt vor sich. Besonders gelungen ist auch das Casting des jahrzehntelang geschiedenen Aigner-Paares, bei dem Bibiana Beglau eine Doppelrolle spielt: Während sie als Schauspielerin Anna Meinhold-Aigner in einer intimen Szene mit Genia lesbische Erotik andeutet, leiht sie Aigner in der dritten dem Hoteldirektor aus Akt – der wohl am stärksten gekürzte – hat die Aura eines verbitterten Hallodri, der vom Dichter Rohn auch allerlei Zeilen bekommt, die in dieser Inszenierung gekürzt wurden Sabine Haupt und Branko Samarovski hingegen bleiben als Natter-Ehepaar blass. Die Sprengkraft ihrer Präsenz im Hause Hofreiter durch Adeles frühere Affäre mit Friedrich kommt in dieser ansonsten messerscharfen Inszenierung etwas zu kurz.

Barbara Frey ist es jedoch gelungen, einen in seinen unaufhörlichen Streichungen erfrischenden Schnitzlerabend zu gestalten, der viele Erwartungen an diesen Abend radikal enttäuschen dürfte. Vielmehr spiegelt das disziplinierte Spiel des Ensembles die Seele wider, die Schnitzler unter der Oberfläche heiteren Miteinanders verborgen hat. Nach zweieinhalb Stunden ohne Pause war das Publikum bei der Premiere sehr beeindruckt.

(SERVICE – „Das weite Land“ von Arthur Schnitzler, Regie: Barbara Frey, Set: Martin Zehetgruber, Kostüme: Esther Geremus, Musik: Josh Sneesby, mit: Katharina Lorenz – Genia Hofreiter, Michael Maertens – Friedrich Hofreiter, Bibiana Beglau – Anna Meinhold-Aigner und Dr. von Aigner, Felix Kammerer – Otto, ihr Sohn, Dorothee Hartinger – Frau Wahl, Nina Siewert – Erna, ihre Tochter, Itay Tiran – Doktor Franz Mauer, Branko Samarovski – Bankier Natter, Sabine Haupt – Adele, seine Frau , Burgtheater Koproduktion mit der Ruhrtriennale Aufführungen im Akademietheater Wien: 4., 11., 20. September, jeweils 19 Uhr, )

Leave a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *