Ungarn wird attraktiver Afrika ruft, kaum jemand kommt
Von Jan Gaenger, Johannesburg, 10.12.2022, 20:08
Mit einer Reise nach Afrika wirbt Wirtschaftsminister Habeck für deutsche Unternehmen, mehr auf dem Kontinent zu investieren. Bis es soweit ist, ist allerdings noch viel Überzeugungsarbeit nötig.
„Kontinent der Chancen“, „enormes Potenzial“ – Afrika sorgt in deutschen Industrie- und Wirtschaftsverbänden für euphorische Rhetorik. Auch Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck forderte bei seinem Besuch in Namibia und Südafrika einen „Reset“ der Handelsbeziehungen und wird nicht müde, über die vielen Chancen auf dem Kontinent zu sprechen.
Habeck eröffnete in Johannesburg eine deutsch-afrikanische Wirtschaftskonferenz. Auch der südafrikanische Präsident Cyril Ramaphosa wollte kommen. Er sagte jedoch kurzfristig ab. Gegen den Staatschef liegen schwere Korruptionsvorwürfe vor, nächste Woche stimmt das Parlament über das Amtsenthebungsverfahren ab. Im Moment scheint es dafür keine Mehrheit zu geben. Aber das ist nicht sicher.
In diesem Zusammenhang ist es verständlich, dass Ramaphosa derzeit andere Prioritäten hat, als beim Deutsch-Afrikanischen Wirtschaftsforum zu sprechen. Das verheißt jedoch nichts Gutes für Habecks angestrebten Neustart.
Das ändert aber nichts daran, dass Südafrika bei der Beteiligung deutscher Unternehmen auf dem Kontinent ganz vorne mit dabei ist. Insgesamt besteht aber noch Luft nach oben, wenn es um das Engagement deutscher Unternehmen in Afrika geht. Auch Ungarn spielt für sie eine größere Rolle als der ganze Kontinent.
In Zahlen ausgedrückt: Deutsche Unternehmen haben laut DIHK im vergangenen Jahr Waren im Wert von 49 Milliarden Euro mit Afrika gehandelt, das entspricht 1,9 Prozent des gesamten Handelsvolumens. Der Handel mit Ungarn erreichte ein Volumen von 236.000 Millionen Euro. Deutsche Direktinvestitionen in dem osteuropäischen Land beliefen sich auf 49 Milliarden Euro; Allein deutsche Unternehmen investierten 12 Milliarden Euro in ganz Afrika. Insgesamt seien die deutschen Handelsbeziehungen mit Ungarn um 20 Prozent höher als mit ganz Afrika, sagt Heinz-Walter Große, Präsident der Initiative der deutschen Wirtschaft in Subsahara-Afrika.
berechnetes Risiko
Schließlich müsse das Potenzial gehoben werden, sagte der Wirtschaftsminister während der Reise. Und manche Unternehmen sind schon da, manche schon seit vielen Jahren. Doch die weit verbreitete Zurückhaltung hat einen Grund: Den meisten ist das Risiko einfach zu hoch. Fragt man Mitglieder der Wirtschaftsdelegation, die Habeck auf der Reise begleitet, weisen sie nach wie vor auf große Hindernisse hin, darunter auch Vertreter von Unternehmen, deren Unternehmen schon lange in Afrika aktiv sind. Konkret sind dies politische Instabilität, Bürokratie, Kriminalität, Korruption, Fachkräftemangel, miese Infrastruktur, Unzuverlässigkeit lokaler Partner und Wechselkursrisiken durch heftige Wechselkursschwankungen.
Daher konzentrieren sich mittelständische Unternehmen bis auf wenige Ausnahmen hauptsächlich auf die Beteiligung an einzelnen Infrastrukturprojekten, wie zum Beispiel dem Bau eines Staudamms. Eine Produktionsstätte auf dem Kontinent aufzubauen, ist ihnen zu riskant, andere Regionen sind für sie attraktiver. Das bedeutet nicht, dass niemand Risiken eingeht. Aber die Wirtschaftsdelegation sagte weiter, das Risiko müsse kalkulierbar sein.
In diesem Zusammenhang will Habeck mehr deutsche Investitionen nach Afrika lenken, auch um die Abhängigkeit von China zu verringern. Dazu werde das Instrument staatlicher Investitionsgarantien überprüft, sagte er in Johannesburg und kündigte Anreize für Investitionen in Regionen wie Südafrika an. Die Investitionsgarantien der Bundesregierung sollen private Investitionen verstärkt auf Märkte außerhalb der Volksrepublik lenken. Damit können deutsche Unternehmen Investitionen in Schwellen- und Entwicklungsländern vor politischen Risiken wie Enteignungen schützen.
Aus Sicht der begleitenden Wirtschaftsvertreter ist dies eine überfällige Maßnahme. Oder wie ein Geschäftsmann gegenüber ntv.de sagte: „Wer fordert, dass Unternehmen in Afrika investieren, sollte sich fragen: Würde ich mein eigenes Geld hier investieren?“