Selenski vs. Klitschko: Der Waffenstillstand in Kiew wird brüchig

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Es ist dunkel in Kiew: Noch immer kämpft die Stadt mit Stromausfällen.

Seit Beginn der russischen Invasion in der Ukraine vor neun Monaten herrscht in Kiew ein unausgesprochener Waffenstillstand. Solange die Armee von Kremlchef Wladimir Putin (70) im Land ist, dürften die innenpolitischen Zwistigkeiten zurückgehen und bestehen bleiben. Doch nun hat ausgerechnet Präsident Wolodymyr Selenskyj (44) diesen Konsens wieder aufgehoben. Der Steuereintreiber tadelte öffentlich die Kiewer Stadtverwaltung unter Bürgermeister Vitali Klitschko (51), der seit seiner Boxkarriere auch in Deutschland sehr prominent ist.

Vorausgegangen war ein weiterer russischer Raketenangriff auf die Stromversorgungssysteme der Hauptstadt und anderswo. Dies führte praktisch überall in der Ukraine zu massiven Stromausfällen, die nur langsam behoben werden. Selenskyj wählte jedoch im Alleingang die Hauptstadt für die öffentliche Schelte aus. „Viele Einwohner Kiews waren mehr als 20 oder sogar 30 Stunden ohne Strom“, klagt das Staatsoberhaupt in einem Video. Erwarten Sie einen besseren Job vom Stadtrat. Er nannte keine. Es war auch klar, wen er meinte: Klitschko.

Nach wenigen Tagen seien noch immer 600.000 Haushalte in der Hauptstadt ohne Strom, sagte Selenski bei der Vorstellung am Freitagabend. In dem schwarzen Hoodie bezog er sich auf ein von ihm persönlich angekündigtes Projekt, die „Invincibility Points“. In diesen Stadtteilen soll jeder selbst heizen und sich mit Strom und Internet versorgen können. „Tatsächlich sind meist nur die Stellen ausgerüstet, die vom Zivilschutz und an der Station installiert wurden“, sagte Selenski. Der Rest befindet sich in einem miserablen Zustand.

Klitschko appelliert an die Menschen in Kiew

Um seine Behauptung zu untermauern, schickte der Abgeordnete seiner Partei “Dorfdienste”, um die Heizstellen zu überprüfen. Gruppenleiter David Arachamija (43) berichtete später, dass mehr als 360 Hotspots überprüft worden seien. In Schulen und Kindergärten brachten Mitarbeiter Tee und Gebäck auf eigene Kosten mit. “Doch die Stadtverwaltung hat den Crashtest nur mit ‘schlecht’ bestanden und bisher keine Schlüsse gezogen.” Gleichzeitig lobte Arakhamija das Management der ukrainischen Eisenbahn: “Sie haben 200 ‘Unbesiegbarkeitswagen’ und eine ganze Festung”, womit er den Hauptbahnhof in Kiew meinte.

Da Klitschko in der Ukraine nur begrenzte Möglichkeiten hat, sich gegenüber den Medien zu verteidigen, nutzte der ehemalige Boxweltmeister seine Kontakte ins Ausland. Angesichts des russischen Einmarsches rief der Bürgermeister von Kiew seine Landsleute erneut dazu auf, sich der “Bild am Sonntag” anzuschließen. “Wir müssen weiter zusammenarbeiten, um das Land zu verteidigen und die Infrastruktur zu schützen.” Klitschko versicherte, die Stadt habe wieder Wasser und Heizung. Jetzt ist es an der Zeit, die Stromversorgung wiederherzustellen.

Der ehemalige Boxer mit weißem Helm erschien in einem der Wärmekraftwerke in Kiew. Er schüttelte vor den sowjetischen Requisiten die Hand und bedankte sich bei den Mitarbeitern der Firma Kyivteploenerho. „Mehr als 3.000 Menschen haben Tag und Nacht gearbeitet, daher können wir sagen, dass fast 98 Prozent der Häuser in unserer Stadt Fernwärme haben“, sagte Klitschko. Gleichzeitig räumte der Bürgermeister jedoch ein, dass ein gutes Viertel der Kiewer weiterhin ohne Strom auskommen müsste.

Aus der Militärverwaltung Kiews kam am Sonntagmorgen eine erlösende Nachricht: Fast überall in der Drei-Millionen-Stadt gab es wieder Strom. Auch Wasser, Heizung und Mobilfunknetz wurden fast vollständig wiederhergestellt.

Selenski will Klitschko für die Wahl eliminieren

Es ist nicht das erste Mal, dass Selenski und seine Administration schwere Artillerie gegen Klitschko einsetzen. Nach Selenskis Amtsantritt 2019 forderte der damalige Chef des Präsidialamts, Andriy Bohdan (45), den Rücktritt des seit 2014 amtierenden Bürgermeisters der Hauptstadt. „Er hat die Kontrolle über die Lage in der Stadt verloren in den letzten fünf Jahren”, sagte Bohdan damals.

Damals war man sich fast einig, dass Selenski Klitschko zumindest kühlen würde. Die Position des gewählten Bürgermeisters sollte von der Position des Leiters der Stadtverwaltung getrennt sein. Klitschko wäre eine Art Gruß August geworden. Doch es kam anders. Klitschko gelang Medienberichten zufolge der Abstieg durch Kontakte zu Selenskis Vertrautem Andriy Yermak (51). Ermak leitet nun das Präsidialamt.

Nach Meinung mancher Beobachter scheint Selenski nun einen zweiten Versuch unternehmen zu wollen, Klitschko bei der nächsten Präsidentschaftswahl 2024 als möglichen Gegner auszuschalten. Sol: Bis dahin ist es wichtig, den Krieg zu beenden. Und andererseits, um den Krieg zu überleben. (SDA/chs)

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