Khans Neuinterpretation des Dschungelbuchs verliert sich in der Optik

24. Juli 2022

Mowgli muss sich sowohl in der realen als auch in der animierten Welt zurechtfinden © APA/ImPulsTanz/Ambra Vernuccio

Hier ist der Dschungel die ganze Welt und die schrecklichen Monster wir: In „Jungle Book Reimagined“ nimmt der berühmte britische Choreograf Akram Khan den Klassiker von Rudyard Kipling und nutzt ihn für eine düster-verspielte Abhandlung über Klimakrise, Verantwortung und Zusammenhalt. . Beim ImPulsTanz am Samstagabend gab es eine nicht immer ausgewogene Mischung aus Tanz, Spiel und Unterhaltung, die das Publikum begeisterte.

Khan setzt die Handlung in eine unbestimmte Zukunft, in der die Welt dem Untergang geweiht scheint: Zuerst hören wir von brennenden Wäldern, allerlei apokalyptischen Ereignissen, bis die Menschheit versucht, vor dem unweigerlich steigenden Wasser in höhere Gefilde zu fliehen. Ein Mädchen geht auf der gefährlichen Reise über Bord und wird in einer zerstörten Stadt an Land gespült. Die tonangebenden Tiere scharen sich schnell um sie und führen sie vor den Rat. Letztendlich muss entschieden werden, was mit dieser Person geschehen soll.

Was folgt, ist hinlänglich bekannt, doch Khan und sein Team verstehen es, der unzähligen Male erzählten Geschichte neue Facetten hinzuzufügen: Vor allem sind dies die Begleitumstände, denn neben dem Katastrophenklima der Umgang der Menschen Tiere. taucht auch immer wieder auf. Die Affenbande entkam aus einem Labor, in dem sie getestet wurde. Der tollpatschige Balu hingegen – ja, diesmal ist er auch der sympathische Mittelpunkt vieler Szenen – musste sich als Tanzbär sein Dasein verdienen, was wohl den osteuropäischen Akzent erklärt. Was ist das Leben von Tieren in unserer Zeit wert, fragt man sich unweigerlich.

Das alles wird mit einer Mischung aus animierter Bühnenwelt und zehn echten Schauspielern umgesetzt. Im Burgtheater wird das Geschehen von zwei riesigen, für Animationen nutzbaren Leinwänden dominiert, die vor und hinter den Darstellern montiert sind. Auf diese Weise ist es dem Mädchen Mowgli möglich, sowohl mit riesigen Elefanten als auch mit kleinen und extrem schnellen Mäusen in Kontakt zu kommen. Andererseits erwacht die mysteriöse Schlange Kaa, die ihr Gefängnistrauma und die Angst vor Glaswänden nicht los wird, durch Pappkartons zum Leben, und das ziemlich erfolgreich.

So einerseits die Reduktion auf das Wesentliche, andererseits die bezaubernden theatralischen Effekte, die Khan einsetzt. Schade, dass er den Tanz beinahe vergessen hätte. Obwohl die zahlreichen Szenen mit Außenstimmen und die animalischen Bewegungen der Schauspieler eher an konventionelles (Jugend-)Theater erinnern, sind es vor allem die an wichtigen Stellen des Werks angesiedelten Gruppenchoreographien, die einen magischen Erfolg haben. Sie stellen jedoch nur einen Teil der Aufführung dar, die ohne Pause weniger als zwei Stunden dauert.

Auch auf Shere Khan muss man verzichten. An die Stelle des Tigers tritt ein namentlich nicht genannter Antagonist, der die Tiere offenbar wahllos mit seinem Gewehr jagt und den Mowgli am Ende tapfer aufhält. Aber der eigentliche Gegner wird ohnehin woanders zu finden sein, wenn man die immer wieder auftauchenden Umwelt- und Klimasünden bedenkt. Ein Leben mit und für die Natur, wie Mowglis Mutter in klugen Rückblenden erzählt, ist mehr denn je gefragt. Akram Khan macht es uns sehr deutlich, auch wenn er inhaltliche Redundanzen in seiner Botschaft nicht scheut. Dabei scheint es letztlich unerheblich, ob es sich bei diesem „Jungle Book Reimagined“ um Tanz, Schauspiel oder animierte Performance handelt.

ImPulsTanz: „Jungle Book Reimagined“ von Akram Khan (Regie und Choreografie), Text: Tariq Jordan, Komposition: Jocelyn Pook, Sounddesign: Gareth Fry, Lichtdesign: Michael Hulls, Bühnenbild: Miriam Buether, Regie: Art and Animation: Adam Smith (YeastCulture), Videodesign: Nick Hillel (YeastCulture). Besetzung: Lucia Chocarro, Tom Davis-Dunn, Harry Theadora Foster, Thomasin Gülgeç, Max Revell, Matthew Sandiford, Pui Yung Shum, Holly Vallis, Vanessa Vince-Pang, Jan Mikaela Villanueva. Burgtheater, Universitätsring 2, 1010 Wien. Weitere Vorstellungen am 25. und 26. Juli um 21 Uhr Infos und Tickets unter impulstanz.com

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