“Judith Shakespeare” wurde am Theater in Graz uraufgeführt

22. Oktober 2022

Schauspiel von Paula Thielecke am Theater Graz © APA/Schauspielhaus Graz/Lex Karelly

Die Schwester von William Shakespeare kämpft am Grazer Schauspielhaus hart um ihre Stimme: Judith Shakespeare hat als Frau keine Chance, sich im Theater zu behaupten und entlarvt durch ihre Ohnmacht gegenüber den Machtstrukturen der Kunst auch das gewalttätige Verhalten von Männern. Mit Ironie, komplexen Überlegungen und krudem Vokabular zielt das am Freitag eröffnete Drama von Paula Thielecke auf viele Missstände.

Obwohl Judith nach Shakespeare benannt ist, ist sie „nur“ die Schwester. Die Schwester, die auch schreibt, die Schwester, der niemand zuhört, die Schwester, die auf Frauenprobleme reduziert wird. In ihrem Drama „Judith Shakespeare – Rape and Revenge“, das in Kooperation mit dem Deutschen Theater in Berlin entstanden ist, zeigt Paula Thielecke ein fiktives Schicksal mit vielen realistischen Zutaten. Die zornige Rede der ungehörten Frau erinnert an andere Theaterinszenierungen der vergangenen Jahrzehnte, dient aber als Beweis dafür, dass die Themen immer noch aktuell sind und sich sogar noch zugespitzt haben.

Im kleinen Spielbereich von Haus zwei gibt es zunächst eine einfache Plattform mit vier Stangen und weißen Tüchern. Später klettert eine riesige goldene Vulva auf die Bühne, durch die die Darsteller schauen, reden und sogar kriechen können (Bühne: Sarah Sassen). Es ist ein wenig grell, aber hübsch anzusehen, mit dem roten Plüsch und den goldenen Strahlen. Ein kleiner Seitenhieb auf die Vulvaverehrung mancher Feministinnen oder eine Visualisierung weiblicher und selbstbestimmter Sexualität? Die Folge handelt viel von Vergewaltigungen, die Römerin Lucretia wird erwähnt und auch Leda, die Zeus als Schwan besuchte. Figuren aus Mythologie und Geschichte tauchen auf, die sich den Menschen nur durch Selbstmord oder Verwandlung entziehen konnten. Und Judith ist empört über die Opferrolle, die nicht nur diese Frauen einnehmen, indem sie Gewalttaten als Tatsache hinnehmen.

Mit schwarzem Humor, Ironie und bisweilen ohnmächtiger Verzweiflung webt sich Maximiliane Haß als ständig nörgelnde Judith durch den Abend und schleudert dem Publikum ihre Meinung entgegen, lässt keinen Raum für Nuancen, die Regisseurin Christina Tscharyiski erst am Ende zulässt Aber dann zeigt sich in wenigen Augenblicken, wie viel Poesie in der Figur der unglücklichen Schwester steckt. Unterstützt wird sie dabei vom Chor (Rudi Widerhofer, Mathias Lodd, Sarah Sophia Meyer, Katrija Lehmann, Clemens Maria Riegler, Sissi Noé, Miriam Fontaine), der agiert, kommentiert und reflektiert, dabei aber stets Gegenüber und ihre Position als Kämpferin einsam bleibt noch mehr gestresst.

„Judith Shakespeare – Vergewaltigung und Rache“ von Paula Thielecke. Regie: Christina Tscharyiski, Ausstattung: Sarah Sassen, Kostüme: Jenny Schleif. Mit: Maximiliane Haß (Judith Shakespeare), Rudi Widerhofer, Mathias Lodd, Sarah Sophia Meyer, Katrija Lehmann, Clemens Maria Riegler, Sissi Noé, Miriam Fontaine. Kommende Vorstellungen: 21., 26. Oktober, 28. November, 8., 13. und 19. Dezember 2022. shauspielhaus-graz.buehnen-graz.com

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