Hohe Energiepreise Die Europäische Kommission will den Strommarkt reformieren

Stand: 29.08.2022 16:30 Uhr

Angesichts stetig steigender Energiepreise hat die Präsidentin der Europäischen Kommission, von der Leyen, eine Reform des europäischen Strommarktes angekündigt. Bundeskanzler Scholz zeigt sich auch “strukturellen Veränderungen” gegenüber aufgeschlossen.

Die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, hat eine Reform des Strommarktes in der EU angekündigt. „Steigende Strompreise zeigen aus mehreren Gründen die Grenzen unseres derzeitigen Strommarktdesigns auf“, sagte er auf einer internationalen Konferenz in Slowenien. Das System wurde für andere Gegebenheiten entwickelt und ist nicht mehr geeignet. „Deshalb arbeiten wir jetzt an einer Sofortmaßnahme und einer Strukturreform des Strommarktes.“

Hintergrund ist das sogenannte Verdienstprinzip, das für den europäischen Strommarkt gilt. Das bedeutet, dass der Strompreis durch das teuerste Kraftwerk, derzeit Gaskraftwerke, bestimmt wird. Da der Gaspreis stark gestiegen ist, ist auch Strom teurer geworden. Eine Reform des europäischen Strommarktes könnte diesen Mechanismus dahingehend überarbeiten, dass Verbraucher beispielsweise für günstigen Strom aus Sonne und Wind weniger bezahlen.

Scholz für „Strukturwandel“

Auch Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) sprach sich bei seinem Besuch in Tschechien für Maßnahmen zur Senkung der Energiepreise aus. Zu konkreten Schritten wollte er sich nicht äußern. Auf die Frage, ob er Preisobergrenzen unterstützen würde, betonte er, dass die derzeitigen Strompreise nicht durch die Produktionskosten gerechtfertigt werden könnten. „Und deshalb ist es notwendig, dass wir strukturelle Veränderungen vornehmen, die dazu beitragen, dass die Preise schnell wieder sinken und ein ausreichendes Angebot vorhanden ist.“

Es besteht keine Notwendigkeit, dass Länder nationale Maßnahmen ergreifen, sagte Scholz. Die Staats- und Regierungschefs Europas schienen ihm sehr einig zu sein, so dass gemeinsame Entscheidungen getroffen werden könnten.

Das Wirtschaftsministerium will das Verdienstordenssystem beibehalten

Auch Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) kündigte kürzlich eine grundlegende Reform an, um die Endkundenstrompreise von steigenden Gaspreisen zu entkoppeln. Im ZDF-„heute journal“ sagte Habeck am Sonntagabend, angesichts der Preiserhöhungen am Strommarkt werde „an einer Lösung“ gearbeitet. Das zugrunde liegende Prinzip lässt sich jedoch nicht „mit einem Fingerschnipsen“ ändern.

Eine Sprecherin des Wirtschaftsministeriums sagte heute, dass das Verdienstprinzip beibehalten werden müsse. Allerdings sollten die negativen Auswirkungen auf den Strommarkt betrachtet werden. “Aber das ist nur mittelfristig.” Man steht am Anfang eines Prozesses, in dem umfangreiche Konsultationen mit EU-Partnern und der EU-Kommission geführt werden müssen. “So schnell kann es nicht gehen.” Nächsten Winter sind keine Änderungen zu erwarten.

Andere EU-Staaten fordern seit langem Interventionen

Das Thema wird auch bei einem Sondertreffen der EU-Energieminister am 9. September diskutiert. Südliche EU-Länder wie Spanien und Griechenland fordern seit Monaten Markteingriffe. Bisher sind sie aber unter anderem am Widerstand Deutschlands gescheitert. Der österreichische Bundeskanzler Karl Nehammer hat am Wochenende eine Entkopplung der Strompreise von den Gaspreisen in der EU gefordert.

Das Verdienstordenssystem sollte einen Anreiz für Investitionen in Erneuerbare Energien schaffen. Sie bestimmt die Preisentwicklung in Abhängigkeit von der Reihenfolge, in der die Kraftwerke eingesetzt werden. Zur Bedarfsdeckung werden zunächst Kraftwerke eingesetzt, die kostengünstig Strom produzieren können. Das sind zum Beispiel Windkraftanlagen. Am Ende hängt der Preis aber davon ab, welche Anlage zuletzt zugeschaltet wurde und damit am teuersten ist, um den Bedarf zu decken – derzeit sind es die Gasanlagen. Da die Preise besonders hoch sind, erzielen Erneuerbare-Energien-Anbieter dadurch sehr hohe Gewinne.

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