Gasspeicher in Deutschland: Wie lange reichen die Reserven?

Stand: 22.10.2022 08:30 Uhr

Die Heizsaison hat begonnen, der Gasverbrauch steigt. Gasspeicher sind voll, aber wie lange reichen die Reserven? Die Szenarien zeigen die Auswirkungen von Pipeline-Importen, LNG-Lieferungen und Einsparungen.

von Claus Hesseling, Anna Behrend

Die Chancen, ohne Gasknappheit durch den Winter zu kommen, sind gut, aber nur, wenn Gas gespart wird, die Importe halbwegs konstant bleiben und der Winter nicht zu kalt ist. Das zeigen Modellrechnungen des gemeinnützigen Science Media Center (SMC).

SMC-Datenanalysten haben berechnet, wie sich die Gasspeicherfüllstände voraussichtlich für vier Szenarien entwickeln werden. Die Szenarien basieren auf dem durchschnittlichen Verbrauch von 2018 bis 2021:

  • Szenario 1: Keine Einsparungen
  • Szenario 2: 10 % höherer Verbrauch
  • Szenario 3: 10 % Einsparung.
  • Szenario 4: 20 % Einsparung.

Jedes Szenario wurde für einen durchschnittlichen und kalten Winter berechnet. Denn je kälter der Winter, desto mehr Benzin wird verbraucht. Die folgenden Grafiken zeigen die vier Szenarien im Vergleich zum aktuellen Gasspeicherstand.

Szenario 1: Keine Einsparungen: Es droht Gasknappheit

Das erste Szenario zeigt: Bleibt der Gasverbrauch so hoch wie im Durchschnitt der Jahre 2018 bis 2021, sind die Speicher spätestens am Ende der kalten Jahreszeit leer, auch wenn der Winter nur mäßig kalt ist

Im SMC-Modell wird für jeden Monat ein Datenpunkt berechnet und nicht der Tagesverlauf der Gasspeicherstände. Daher startet das Modell mit einem Datenpunkt am 1. Oktober. Der nächste berechnete Datenpunkt ist der 1. November. Dazwischen wird linear interpoliert, dh zwischen den Datenpunkten wird eine Gerade gezogen.

Szenario 2: Zehn Prozent höherer Verbrauch: Speicher wird noch schneller geleert

Da der Gasverbrauch im Durchschnitt der Vorjahre im Modell zu einer Gasknappheit führt, ist es nicht verwunderlich, dass ein 10-prozentiger Mehrverbrauch die Speicher noch schneller entleeren würde. Berechnungen zufolge wären die Bestände bis Februar erschöpft.

Szenario 3: Zehn Prozent Einsparung: Gasengpässe können vermieden werden

Wenn zehn Prozent weniger Gas verbraucht wird als in den Vorjahren, kann Deutschland diese Rechnung ohne Gasknappheit im Winter erfüllen. Bis zum Ende der kalten Jahreszeit sind die Vorräte jedoch weitgehend erschöpft.

Szenario 4: 20 Prozent Einsparung: Keine Knappheit und volle Lagerhaltung

Wenn im Vergleich zu den Vorjahren 20 Prozent weniger Gas verbraucht wird, wird Deutschland nach SMC-Berechnungen ohne Gasknappheit durch den Winter kommen und mit deutlich mehr Reserven aus der kalten Jahreszeit gehen.

Wichtig: Szenarien sind Modellrechnungen – der tatsächliche Verlauf kann und wird davon abweichen. Sie helfen aber, den Weg der deutschen Gasspeicher-Füllstände zu verdeutlichen.

Welche Faktoren beeinflussen die Szenarien?

Die Füllstandsentwicklung von Gasspeichern im Winter hängt zum einen vom Gasverbrauch und damit vom Klima ab. Andererseits ist die verfügbare Gasmenge entscheidend. Diese setzt sich wiederum aus Speicherreserven, Pipelineimporten und Flüssiggasimporten zusammen. Wie ist der aktuelle Stand dieser Faktoren und welche Annahmen werden in den oben genannten Szenarien getroffen?

Gasverbrauch von Klein- und Großverbrauchern

Die folgende Grafik zeigt den Gasverbrauch pro Kalenderwoche, aufgeteilt nach Klein- und Großverbrauchern. Großverbraucher verbrauchten im Sommer deutlich weniger Gas als in den Vorjahren, da einige Unternehmen aufgrund hoher Gaspreise die Produktion drosseln oder vorübergehend einstellen mussten. In der ersten kalten Woche Ende September konsumierten Haushalte und kleinere Gewerbekunden zunächst mehr als in den Vorjahren. Dieser Trend setzte sich jedoch nicht fort: In der ersten Oktoberwoche fiel der Verbrauch unter den Durchschnitt der Vorjahre.

Die obige Grafik zeigt auch, dass Wohnen in der kalten Jahreszeit eine wichtige Rolle spielt. Der Verbrauch liegt mit 1.500 bis 2.000 Gigawattstunden pro Tag im Bereich der Industrie. Die folgende Tabelle zeigt, ob der Gasverbrauch über oder unter dem Durchschnitt der letzten vier Jahre liegt.

Lediglich die Verbrauchsdaten von Großverbrauchern – beispielsweise Industrie und Kraftwerke – werden täglich gemessen (das Prinzip heißt RLM) und vom Gasnetzmanager „Trading Hub Europe“ (THE) erhoben. Der Verbrauch von Haushalten und kleineren Gewerbekunden (sog. SLP-Daten) ist nur indirekt ermittelbar und mit einer gewissen Ungenauigkeit behaftet. Daher kommt es regelmäßig zu nachträglichen Korrekturen der von der Bundesnetzagentur bereitgestellten Daten, sodass sich die bisherigen Werte nach Veröffentlichung noch ändern können.

Die Außentemperatur

Da der Gasverbrauch direkt mit dem Wetter zusammenhängt, lohnt sich ein Blick auf die Temperaturen des laufenden Jahres im Vergleich zum Durchschnitt der Vorjahre. Nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes (DWD) war der Sommer 2022 relativ warm, während der September im Durchschnitt recht kühl war.

Reserven in Gasspeichern

Fast voll: Mit diesen Füllständen starten die deutschen Gasspeicher in die Heizperiode 2022/2023. Die Bundesregierung hatte Mindestspeichermengen für Betreiber vorgegeben. Bisher wurden sogar diese Ziele übertroffen. Das ist die aktuelle Situation:

Ein hoher Füllstand im Herbst bedeutet jedoch nicht, dass genug Benzin für den ganzen Winter vorhanden ist. Denn in deutschen Gasspeichern ist in der Regel so viel fossile Energie gespeichert, dass Deutschland damit zwar zwei Wintermonate, aber nicht die gesamte kalte Jahreszeit überstehen kann.

Die Gasimporte via Pipeline

Neben vollen Gasspeichern braucht Deutschland ständig Importe, um über den Winter zu kommen. Erdgas wird in der Bundesrepublik gefördert, allerdings nur in sehr geringen Mengen. Nachdem Russland die Erdgaslieferungen eingestellt hat, kommen Importe hauptsächlich aus Norwegen, den Niederlanden und Belgien.

Gasexporte werden hier nicht ausgewiesen, beispielsweise in Polen, das auch kein Erdgas mehr aus Russland bezieht. Was nach den Exporten übrig bleibt, nennt man Nettoimporte. In den oben dargestellten SMC-Szenarien wurde als Nettoimport ein Wert von 2,2 Terawattstunden (TWh) pro Tag angenommen, was dem Mittelwert entspricht, der im September erreicht wurde. Das SMC berechnete auch Szenarien für geringere Importmengen. Die Ergebnisse dieser Berechnungen finden Sie auf der SMC-Website.

Bundesnetzagentur: Mit 20 % Einsparung gibt es keine Gasknappheit.

Die Bundesnetzagentur geht davon aus, dass die Nettoimporte im Winter sinken werden. Einerseits könnten Importe beispielsweise aus Belgien und den Niederlanden sinken, weil auch dort die Heizsaison beginnt. Andererseits könnten die Exporte nach Südosteuropa zunehmen, wenn dort die Nachfrage steigt. Auch die Bundesnetzagentur hat auf Basis dieser Annahmen Szenarien für Speicherfüllstände berechnet und kommt zu dem Schluss, dass es zu keiner Gasknappheit kommen wird und die Speicher im Spätwinter sogar zu 50 Prozent gefüllt sein könnten, sofern der Verbrauch um 20 Prozent und netto reduziert wird Importe steigen nicht zu stark. Dieses Szenario entspricht in etwa den SMC-Berechnungen in Szenario 4 weiter oben in diesem Artikel.

LNG-Importe und neue LNG-Terminalkapazitäten

Neben Pipeline-Importen wird Flüssiggas (Liquefied Natural Gas oder LNG) zukünftig eine größere Rolle spielen. Die Inbetriebnahme von Deutschlands ersten LNG-Terminals in Brunsbüttel und Wilhelmshaven ist für Anfang Januar 2023 angekündigt. Mit ihnen kann verflüssigtes Erdgas abgeladen und in das deutsche Gasnetz eingespeist werden. Die geplanten Terminals sollen eine Kapazität von bis zu 10 TWh pro Monat haben. Die Datenanalysten von SMC haben diese geplanten LNG-Importe auch in den oben gezeigten Szenarien berücksichtigt. Da noch unklar ist, ob ab Anfang 2023 tatsächlich die volle Kapazität der Terminals zur Verfügung stehen wird, gehen die Datenanalysten von SMC in ihren Berechnungen von einem etwas niedrigeren Wert von 8,5 TWh pro Monat aus.

Experte: Externe Schocks können die Situation verschlimmern

Die Wintermonate werden zeigen, wie sich Importe, Temperatur und Verbrauch wirklich entwickeln und inwieweit die vom SMC berechneten Szenarien eintreffen. Aber auch Experten wie Ben McWilliams, Energieexperte der europäischen Denkfabrik Bruegel, sagen, dass beim Gas gespart werden muss. „Deutschland muss beim Erdgas 15 bis 20 Prozent einsparen, andere europäische Länder müssen weniger sparen, weil sie nicht so abhängig vom Erdgas sind“, sagt McWilliams. „Außerdem könnten externe Schocks, ähnlich den Angriffen auf die Pipelines Nord Stream 1 und Nord Stream 2, die Situation verschärfen.“

Winter 2023/24: Wie können Gasspeicher befüllt werden?

Die große Herausforderung wird aber aller Voraussicht nach der Winter 2023/24 sein. Denn die Wiederaufnahme der Gaslieferungen aus Russland ist unwahrscheinlich. Und die Frage wird lauten: Mit welchem ​​Gas sollen die Speicher im nächsten Sommer befüllt werden? Und wie schnell kann die deutsche Industrie energieintensive Produktionsprozesse auf andere Energieträger umstellen?

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