Frührentner: Scholz will den Trend der Frühverrentung brechen

Deutscher Arbeitsmarkt

Warum Olaf Scholz den „Frühverrentungstrend“ brechen will.

Stand: 06:44 | Lesezeit: 4 Minuten

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD)

Quelle: pa/dpa/Carsten Koall

Da immer mehr Arbeitnehmer früher als erwartet den Arbeitsmarkt verlassen, ist die Bundesregierung alarmiert. Bisher spielt ein höheres Renteneintrittsalter in der aktuellen Diskussion jedoch keine große Rolle, stattdessen stehen die Arbeitgeber im Mittelpunkt.

Diese Entwicklung beunruhigt die Kanzlerin: Ausgerechnet in den Baby-Boomer-Kohorten nimmt die Tendenz zu, früher als gesetzlich vorgeschrieben in den Ruhestand zu gehen. Eine neue Entwicklung, die laut einer am Wochenende veröffentlichten Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) „das wirtschaftliche Arbeitskräfteangebot stark beeinflusst“ und „den Mangel an Arbeitskräften mit Erfahrung und Qualifikation verstärkt“.

Vom BiB ausgewertete Daten des Mikrozensus zeigen nach Angaben des Instituts, dass der zuvor stetige Anstieg der Zahl älterer Arbeitnehmer auf dem Arbeitsmarkt in den vergangenen fünf Jahren weitgehend zum Stillstand gekommen ist. Dementsprechend scheiden derzeit viele Beschäftigte mit 63 oder 64 Jahren aus dem Arbeitsmarkt aus, also deutlich vor der Regelaltersgrenze. Für Arbeitnehmer des Jahrgangs 1955 beträgt sie 65 Jahre und neun Monate; Für den Jahrgang 1964 sollte das Renteneintrittsalter nach geltender gesetzlicher Regelung auf jeden Fall 67 Jahre betragen. Doch viele Mitglieder der Babyboomer-Generation (1955 bis 1970) wollen nicht so lange arbeiten.

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Mit 63 statt 70 in Rente gehen

Durch die 2014 eingeführte Möglichkeit, für besonders lange Versicherte eine Rente ohne Abschläge vorab zu erhalten, die sogenannte „Rente mit 63“, würde laut BiB im Jahr 2021 eine dritte Person in das Rentensystem einsteigen. Zudem zeigen aktuelle Zahlen der Deutschen Rentenversicherung, dass Arbeitnehmer zunehmend bereit sind, Abzüge von ihrer Rente in Kauf zu nehmen, um vor Erreichen der Altersgrenze in den Ruhestand zu gehen. Diese Gruppe repräsentiert laut BiB rund ein Viertel aller, die 2021 erstmals eine Altersrente beziehen.

Einige Zahlen, die Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) zum Anlass nahm, auf die Problematik der Frühverrentung hinzuweisen. Ziel müsse es sein, “den Anteil der Menschen zu erhöhen, die tatsächlich bis zum Rentenalter arbeiten können”, sagte Scholz der französischen Zeitung “Ouest-France” und der Mediengruppe Funke. “Das fällt vielen Menschen heute schwer.”

Menschen gehen öfter früh in den Ruhestand: Scholz will gegensteuern

Immer mehr Menschen in Deutschland gehen in den Vorruhestand. Dies stellt die Wirtschaft, die bereits unter Arbeitskräftemangel leidet, vor zusätzliche Probleme. Dem will Bundeskanzler Scholz entgegenwirken.

Es gab jedoch Zustimmung aus verschiedenen Bereichen. Sowohl der Vorsitzende des Arbeitgebers, Rainer Dulger, als auch der Deutsche Sozialverband begrüßten die Initiative von Scholz. Dulger forderte, das Rentenalter zu „beleben“ und an eine erhöhte Lebenserwartung zu knüpfen. Die Vorstandsvorsitzende des Deutschen Sozialverbandes, Michaela Engelmeier, regte an, etwa durch Umschulung und bessere Arbeitsbedingungen dafür zu sorgen, dass Beschäftigte tatsächlich bis zur Altersgrenze arbeiten können.

„Verbesserung der Arbeitskultur in Unternehmen“

Unter den im Bundestag vertretenen Parteien stimmten SPD, FDP und AfD dem Kanzler grundsätzlich zu, gaben seinen Aussagen aber unterschiedliche Akzente. Die Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Dagmar Schmidt, betonte, ihre Fraktion habe „niemandem den wohlverdienten Ruhestand verwehrt“ und „weder eine erneute Diskussion über die Anhebung des Renteneintrittsalters führen noch mit höheren Abschlägen den Druck erhöhen wollen“. Damit mehr Menschen “wirklich die Altersgrenze erreichen”, sollten Themen wie Gesundheitsvorsorge und Rehabilitation “in der Arbeitswelt viel mehr Bedeutung bekommen”.

Für den gesellschaftspolitischen Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Pascal Kober, sind die Sozialpartner besonders gefragt. Arbeitgeber und Gewerkschaften sollten den Beschäftigten Angebote machen, “wie das Arbeitsleben in den letzten Jahren vor der Pensionierung finanziell, aber auch durch Arbeitsentlastung und flexible Teilzeitmodelle immer attraktiver gestaltet werden kann”. Rentenpolitische Sprecherin der AfD-Fraktion, Ulrike Schielke-Ziesing, begrüßte die Initiative der Kanzlerin, beklagte aber, dass diese durch den Beschluss der Ampelfraktionen, die Sonderverdienstgrenzen für Vorruheständler ab Januar 2023 abzuschaffen, konterkariert werde.

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Der sozialpolitische Sprecher der Grünen, Frank Bsirske, betonte seinerseits, dass die von der Ampelkoalition beschlossene Aufhebung der Zuverdienstgrenzen „die Anreize zur Weiterbeschäftigung im Rentenbezug verbessert“. Wichtig sei auch, „die Qualität der Arbeit und die Arbeitskultur in Unternehmen, Betrieben und Verwaltungen zu verbessern, damit die Beschäftigten möglichst lange gesund, qualifiziert und motiviert ihrer Arbeit nachgehen können“. Die Unionsfraktion ließ die WELT-Anfrage unbeantwortet.

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