Erst Lächeln, jetzt ein Vorbild zum Nachmachen Ein Berliner Eishersteller trotzt dem Gasnotstand
Von Marc Dimpfel 26.06.2022, 16:44
Die Gaskrise offenbart die Abhängigkeit Deutschlands von fossilen Energieträgern. Ein Berliner Eishersteller hat mit seinem nachhaltigen Ansatz von Anfang an vorgesorgt: Jetzt trägt er Früchte.
Olaf Höhn macht sich Sorgen. Über den Krieg in der Ukraine, die Energiekrise, rechte Politiker. Und vor allem, wenn es um die Umwelt geht. Aber der Leiter von Florida Ice Cream ist jemand, der Dinge tut. Bereits 1927 begann die Berliner Manufaktur mit der Eisproduktion. Höhn übernahm den Betrieb in den 1980er Jahren und baute ihn aus. Rund 2000 Supermärkte in Berlin und Brandenburg bieten die charakteristischen blauen Becher in ihrer Tiefkühltruhe an. Denn Florida-Eis weiß, wie man sich selbst vermarktet. Anstatt ein traditionelles verstaubtes Image zu pflegen, sieht das Unternehmen aus wie ein Mode-Startup. Der Eismacher legt Wert auf Regionalität, Handarbeit und vor allem: Klimaverträglichkeit.
„Als ich anfing, mich mit Klimaschutz zu beschäftigen, sagten viele: ‚Lass das!‘“, erinnert sich Höhn im Interview auf ntv.de. Vor mehr als zehn Jahren machte ihn sein Sohn auf das Thema aufmerksam. Trotz oder gerade wegen anfänglicher Widerstände erwachte Höhns Ehrgeiz. Wie ernst es dem 72-Jährigen ist, beweist die 2013 errichtete Fabrik in Berlin-Spandau, die als erste in Deutschland komplett klimaneutrales Eis herstellt.
Eis-Geschäftsmann Olaf Höhn vor seinem Elektro-Lkw.
(Foto: privat)
Damit gibt sich Höhn nicht zufrieden. Er tüftelt weiter, realisiert Ideen und verwirft sie wieder, investiert in neue Technologien. Das ist bei der in einem großen Industriegebiet gelegenen Produktionsstätte nicht zu übersehen. Photovoltaikanlagen pflastern die Decken, ein Elektro-LKW lädt die Zapfsäule auf, vom Boden bis zum Schornstein ist hier alles auf das umweltfreundlichste ausgelegt. Das hat seinen Preis. „Natürlich tragen die ständigen Neuinvestitionen zunächst keine Früchte“, räumt der Chef der rund 100 Mitarbeiter ein. “Aber jetzt sind wir sehr effizient und haben gute Verkaufsergebnisse.” Laut Höhn lag der Umsatz im vergangenen Jahr weit über der Marke von zehn Millionen Euro.
„Der Markt ist verzerrt“
Während sich die meisten Unternehmen des Klimawandels bewusst sind, wollen viele keine Verantwortung übernehmen. Allein die Industrie ist der zweithäufigste Verursacher von Treibhausgasemissionen in Deutschland. “Im derzeitigen System sind Unternehmen, die auf Klimaschutzmaßnahmen angewiesen sind, im Nachteil. Der Markt wird an dieser Stelle verzerrt, weil die wirklichen Kosten gar nicht aufgezeigt werden: Umweltschäden, Klimaschäden, Lieferketten”, sagt Katharina Reuter ntv. von. Sie ist Geschäftsführerin des Bundesverbandes Nachhaltige Wirtschaft, der rund 600 Unternehmen vertritt. Wer sein Geschäft nachhaltig ausrichten will, darf nicht nur auf Gewinnmaximierung, einen Wettbewerbsnachteil, setzen. Konkurrenten, denen Umwelt und Menschenrechte egal sind, könnten ihre Produkte deutlich günstiger anbieten, erklärt Reuter.
Im Gegensatz zu den großen Herstellern wird Eis in Berlin-Staaken noch von Hand in Behälter gefüllt.
(Foto: privat)
Anders gesagt: Klimaschutz hängt vor allem vom Willen des Managements des jeweiligen Unternehmens ab. Nimmt man es ernst, muss man finanzielle Einbußen hinnehmen. Unter anderem die Gaskrise könnte nun ein Umdenken antreiben. Russland drosselt seine Lieferungen nach Deutschland drastisch, die Pipeline Nord Stream 1 wird nur noch zu 40 Prozent genutzt. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck musste am Donnerstag die zweite Stufe seines Notfallplans bekannt geben. „Gas ist in Deutschland ein knappes Gut“, sagte Habeck. Deutschland droht die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen.
Die Branche spürt bereits die Auswirkungen steigender Gaspreise. Im Gegensatz zu Florida Ice Cream haben sich viele Unternehmen nicht mit Alternativen beschäftigt, darunter Glasfabrik Harzkristall in Sachsen-Anhalt. Dort sind die Flammen des großen Gasofens erloschen. Denn damit das Glas schmilzt, müsste der Ofen den ganzen Tag bei 1180 Grad laufen; verbraucht pro Tag so viel wie ein Vier-Personen-Haushalt im Jahr. Im Moment ist es zu teuer. „Kostete ein großes Boot für eine Straßenlaterne früher 150 Euro, kostet es jetzt plötzlich 600 Euro. Das ist am Markt nicht umsetzbar“, sagt Firmenchef Otto Sievers im Gespräch mit RTL. Bestellungen werden also storniert. Es wird nur der kleinste Elektroofen verwendet. „Und wir überlegen auch grundsätzlich, ob wir in Zukunft mehr auf Strom setzen sollten.“ Eisunternehmer Höhn hingegen machte sich früh genug Gedanken.
Nachhaltigkeit wurde oft belächelt
„Wir sehen, dass es sich für Unternehmen lohnt, die die Energiewende frühzeitig vorangetrieben haben“, erklärt Reuter. „Jetzt sind sie nicht mehr so stark betroffen, weil sie einfach schon selbst Strom erzeugen, eine intelligente Branchenkopplung mit der Elektromobilität geschaffen haben oder auf Pelletsheizungen angewiesen sind.“ Diese Investitionen lächelten vor ein paar Jahren. Wenn Höhn von Treffen mit Geschäftskollegen oder Branchenvertretern berichtet, wird deutlich, dass ihn viele immer noch nicht so ernst nehmen.
Höhn wird jedoch von Kritikern und Skepsis gegenüber seinen Plänen nicht erfolgreich entdeckt. 30 Prozent der Energie, die Ihre Fabrik benötigt, werden vor Ort produziert, der Rest stammt aus Ökostrom. Dies ist nur mit spezieller Technik möglich. In der energieverbrauchenden Kältetechnik werden sogenannte Adsorptionskältemaschinen eingesetzt. Sie wandeln die Restwärme der Kompressoren klimafreundlich in Kälte um. Sein Ziel: Es soll möglichst wenig Energie aus der Produktionsanlage verloren gehen. Bei der Stromerzeugung profitiert die Berliner Eisdiele von den saisonalen Schwankungen der Branche. Die Nachfrage nach Speiseeis steigt, wenn die Sonne scheint; dann laufen auch die Solarpanels auf Hochtouren.
Die Fahrzeugflotte wird Schritt für Schritt zur Elektromobilität. Eine kleine Revolution ist der Elektro-LKW, der mit Hilfe einer Lagerkühlung Eis liefert. Angeschlossen an eine Station kühlt die Ladefläche des Lkw auf -78 Grad ab, die Kälte wird bis zu zwei Tage nach der Beladung gespeichert. Am Schornstein der Pelletsheizung ist sogar ein zusätzlicher Feinstaubfilter angeschlossen. Die größte Reduzierung der Emissionen erfolgt jedoch durch den Boden der Tiefkühlzelle. Dieser ist mit Glasschaumkies isoliert, sodass keine zusätzliche Heizung erforderlich ist.
„Wir wollen zu 99 Prozent autark sein“
Durch dieses technologische Zusammenspiel konnte Florida Eis nach eigenen Angaben in fünf Jahren mehr als 1.800 Tonnen CO2 einsparen. Autarkie bietet auch eine gewisse Krisenresistenz. „Auch wenn wir keinen Strom von außen hätten, könnten wir noch eine Weile regional liefern“, sagt Höhn. Hohe Energiepreise werden derzeit durch das Speicher- und Kreislaufsystem gedämpft.
Das Konzept der Florida-Eiscreme findet immer mehr Nachahmer. Fast jede Woche kommen Vertreter aus Wirtschaft und Politik aus aller Welt nach West-Berlin. Denn Nachhaltigkeit ist nicht nur ein Marketingfaktor, sondern gerade in Zeiten von „Gasalarm“ ein Muss. Innovative Konzepte boomen.
Der mittelständische Eishersteller baut derzeit ein zweites Werk in Magdeburg. Die Ambitionen sind hoch: „Wir wollen zu 99 Prozent autark sein, mindestens aber zu 85 Prozent“, erklärt Höhn, der auch Vorbild für andere sein will. „Was wir machen, kann im Prinzip jeder. Aber wer zerlegt seine bestehenden Maschinen so einfach?“
Die Energiekrise könnte dafür eine wirtschaftliche Notwendigkeit sein. „Das Geld wurde in den letzten Jahren nicht verwendet, weil es in der kurzen Zeit von vier, fünf Jahren nicht ausgezahlt wurde“, erklärt Reuter. Inzwischen würden aber viele Unternehmen erkennen, dass Energiesouveränität auch ein Sicherheitsthema ist. „Krisen zeigen, wie zerbrechlich das System ist. Wir geben uns jetzt viele Schläge, weil die Energiewende schon lange ins Stocken geraten ist. Jetzt ist es ein Weckruf für alle.“