Unmittelbar nach der Abstimmung beeilten sich die Unterstützer von Boris Johnson, das Ergebnis positiv zu interpretieren. Bildungsminister Nadhim Zahawi sprach am Montagabend von einem “Nettosieg”. Kommentatoren waren skeptischer. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Johnson geht, sagten einige. Mit 59 Prozent Unterstützung aus der Gruppe steht Boris Johnson schlechter da als seine Vorgängerin Theresa May, als sie 2019 von der Gruppe bestätigt wurde. Danach dauerte es nur noch wenige Monate, bis er seinen Rückzug ankündigte.
Bereits während der juristischen Feierlichkeiten zum 70. Thronjubiläum hatte sich für Boris Johnson Unheil angekündigt. Als er und seine Frau Carrie am Freitag die Stufen der St. Paul’s Cathedral erklommen, um am Thanksgiving-Gottesdienst der Königin teilzunehmen, vermischten sich die lauten Buhrufe mit Jubelrufen auf der Straße. Zwei Tage später, als die vier Tage Platin in einem Karnevalsumzug in Richtung Buckingham Palace gipfelten, kam der Aufruf aus der Gruppe: Es werde einen Misstrauensantrag geben.
Johnson war nicht ganz danach. Seit der Veröffentlichung des sogenannten Grey Reports zu Crown-Regelverstößen in der Downing Street war die öffentliche Kritik an ihm auch in den eigenen Reihen wieder laut geworden. In den Tagen vor der Thronbesteigung versicherten die Konservativen zunächst, das für eine Abstimmung erforderliche Quorum sei bald erreicht: 54 Abgeordnete oder 15 Prozent der Fraktion. Bereits im Januar hatte die Wut über “Partygate” Dimensionen angenommen, die Johnson einem Misstrauensvotum näher brachten. Doch der Krieg in der Ukraine veranlasste viele Abgeordnete, ihre Anträge zurückzuziehen. Sie wollten den Premierminister nicht unterminieren, während sie wichtige internationale Entscheidungen trafen. Wahrscheinlich waren sie auch besorgt, dass man ihnen genau das vorwerfen könnte.
“Er entscheidet große Dinge gut”
Jetzt, nach der großen nationalen Feier, sahen Johnsons Gegner ihre Stunde. Neben den bereits registrierten Rebellen kündigten auch bisher unauffällige Abgeordnete an, dem Ministerpräsidenten nicht mehr zu vertrauen. Unter ihnen war auch der frühere Außenminister Jeremy Hunt, der seine Kandidatur vor drei Jahren an Johnson verlor und seitdem auf Rache sinnt. Ohne Johnson zu nennen, schrieb er, dass man der Partei „nicht mehr traue“ und dass die Konservativen bei den nächsten Parlamentswahlen unterlegen zu sein drohten. Deshalb wird er „Veränderung“ wählen.
Hunt begründete seine Kritik vor allem mit „Partygate“ und dem Vertrauensverlust, den der Premierminister mit seinem Verhalten und seinen fragwürdigen Verteidigungsreden erlitten habe. Es sind diese Zweifel an Johnsons Integrität, die das recht heterogene Feld der Kritiker eint. Am Montag kündigte John Penrose an, gegen Johnson zu stimmen und trat als Antikorruptionsbeauftragter der Regierung zurück. Johnson verstößt wegen Partygate gegen den sogenannten Ministerialcode, was seinen Rücktritt erfordert.