In Österreich war der Roman bis 1968 verboten, in Deutschland stand er sogar bis 2017 auf dem Index. Das kam nicht von ungefähr: „Josefine Mutzenbacher oder die Geschichte eines Wiener Mädchens, von sich selbst erzählt“ von 1906 schildert aus der fiktiven Ich-Perspektive Perspektive einer alternden Sexarbeiterin, wie sie als Kind ihre ersten sexuellen Erfahrungen im Spiel mit anderen Kindern machte. Sie wurde von einem Priester missbraucht, hatte bis zu ihrem Debüt als Prostituierte im Alter von 14 Jahren Dutzende anderer sexueller Begegnungen mit Erwachsenen, die alle mit Lust in Pornografie beschrieben wurden.
Das bis heute irritierende und provokative Buch war Ausgangspunkt für Beckermanns Film „Mutzenbacher“, der mit einem Casting-Aufruf begann: „Wien, 25. April 2021. Aufruf zum Casting für einen Film über Josefine Mutzenbacher. Wir suchen männliche Mitglieder zwischen 16 und 99 Jahren. Keine Dreherfahrung erforderlich“, heißt es zu Beginn des Films. Etwa 150 Männer folgten dem Aufruf und Beckermann lud etwa die Hälfte ins Kulturzentrum F23, eine ehemalige Sargfabrik, ein. wo er eine klassische Casting-Situation organisierte.
Couchflüsterer
Die Männer, vom Jungen bis zum alten Mann, wurden gebeten, sich auf ein gefundenes rosa Sofa zu setzen: “Wunderbar, ein altes erotisches Sofa”, kommentierte einer. „Diese Kitschcouch ist für den Film sehr wichtig, weil sie verschiedene Assoziationen weckt, von der Erotikcouch über die Freudsche Couch bis hin zur Castingcouch“, sagt Beckermann im Videointerview. Wer mag, wird auch ein wenig an die Seidentapeten im stacheligen Finale von „Waldheims Walzer“, Beckermanns Vorgängerfilm, erinnert.
Vieles in “Mutzenbacher” besteht darin, dass die Regisseurin ihre Kandidaten, darunter so bekannte Gesichter wie den Schriftsteller Robert Schindel und den ehemaligen Direktor des Filmmuseums, Alexander Horwath, bittet, einen Ausschnitt aus dem Roman vorzulesen. Dann fragt ihn Beckermann nach Assoziationen, Erfahrungen und ethischen Vorbehalten. Manche Männer kennen den Text gut, andere haben nur eine vage Vorstellung von dem Kontext, in dem er entstanden ist. Wieder arrangiert die Regisseurin ihre Casting-Kandidatinnen zu Chören, die eigenwillige Wiener Ausdrücke für Sex in die Kamera rufen.
Viennale Die pornografische Umarmung ist nicht für alle Beteiligten gleich angenehm
In den Gesprächen entfaltet sich ein Kaleidoskop von Männlichkeiten, unterschiedlichen moralischen Anliegen und Begehrensformen und zugleich eine Meta-Reflexion auf die Funktionsweise von Literatur: Manche Männer empfinden den Text als rein literarisches, andere als pornografisches Material. Viele erklären den eigenen Beziehungsstatus und sexuelle Vorlieben. Manche erinnern sich an eigene Erfahrungen mit Übergriffen, andere reagieren entsetzt und nehmen die von Minderjährigen beschriebenen sexuellen Handlungen für bare Münze.
“Mindestens noch eine Freude!”
„Manche dachten, es sei eine One-Woman-Doku“, sagt Beckermann. „Ich fand es sehr lustig. Meiner Meinung nach ist es ganz klar, dass das Buch von einem Mann geschrieben wurde. Denn es ist eine männliche Illusion, dass alle Frauen die ganze Zeit Sex haben wollen. Das kann nur ein Mann denken!“ Offensichtlich war dieser Aspekt im Film nicht allen klar: “Die Frauen im Buch genießen zumindest den körperlichen Austausch, das will keiner mehr”, meint einer.
Film Referenz
“Mutzenbacher” läuft am 22. Oktober im Gartenbaukino. um 20.30 hia Urania am 26. Oktober. gezeigt um 13:15 Uhr Der im Rahmen des Film/Fernseh-Deals des ORF finanzierte Film kommt am 4. November in die österreichischen Kinos.
Der Roman fasziniert bis heute nicht nur als Klassiker der erotischen Literatur, sondern ist wegen der immanenten Rechtfertigung sexueller Handlungen zwischen Kindern und Erwachsenen manchmal schwer zu ertragen. Das zeigt sich auch in den Reaktionen vieler Männer auf Beckermanns Film. In diesem Sinne ist „Josefine Mutzenbacher“ aber auch ein Kind ihrer Zeit: Männliche Intellektuelle im Wien des frühen 20. Jahrhunderts begründeten oft sexuelles Interesse an Kindern, die bekanntesten Beispiele sind Peter Altenberg und Adolf Loos.
Andererseits waren erst im Vorjahr, 1905, Sigmund Freuds „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ erschienen, in denen er sich auch mit der kindlichen Sexualität auseinandersetzte. „Es war die Zeit, in der auch die kindliche Sexualität entdeckt und diskutiert wurde, mehr als heute. Heute reden wir eigentlich nur noch über Gefahren und Missstände“, sagt Beckermann. Dass „Josefine Mutzenbacher“ trotz des problematischen soziokulturellen Kontextes als pornografisches Werk überaus wirksam ist, macht die Lektüre nicht weniger unbequem.
Viennale Manche Generationen reagieren viel unbefangener als andere
Übrigens ist immer noch nicht klar, wer das Buch geschrieben hat, das sofort die Runde machte, nachdem es in unzähligen illegalen Nachdrucken veröffentlicht wurde. Karl Kraus verbreitete daraufhin das Gerücht, der Roman sei von „Bambi“-Autor Felix Salten geschrieben worden. Dies gilt heute als widerlegt, hinderte Saltens Nachfahren jedoch nicht daran, in den 1970er Jahren nach dem ersten offiziellen Nachdruck beim Verlag Urheberrechte einzufordern.
Sicher ist nur, dass es sich bei dem Roman nicht um einen echten autobiografischen Bericht handelt, sondern um einen fiktiven. “Mir war egal, wer es geschrieben hat. Natürlich nicht, als ich es als Kind gelesen habe, und auch nicht heute”, sagt Beckermann, “es musste jemand sein, der gut schreiben konnte und das Medium sehr gut kannte. Und es war jemand, der es war.” einen richtigen Roman schreiben konnte und der Wiener Sprache gut mächtig war”.
Beckermanns Film ist eine fantastische Neuinterpretation des Pornoklassikers, die Lust auf mehr macht. Unbedingt empfehlenswert sind der Tagungsband einer Literaturtagung 2017 zu „Josefine Mutzenbacher“ und die kritische Neuausgabe von „Josefine Mutzenbacher“, ergänzt durch den umfangreichen Anhang relevanter Wiener Begriffe von Oswald Wiener aus dem Jahr 1969.