Mit dem Kindle Scribe bringt Amazon erstmals einen E-Book-Reader auf den Markt, bei dem man auch mit einem Stylus schreiben kann. Außerdem ist das Gerät riesig. Welche Vor- und Nachteile das für Buchhändler und Zeitungsjournalisten hat, zeigt der Test.
Amazons beliebte Kindle-E-Book-Reader-Familie bekommt Zuwachs: Mit dem Kindle Scribe bringt das Unternehmen erstmals ein riesiges 10,2-Zoll-Tablet mit scharfem Bild und Eingabestift auf den Markt. Richtig gelesen: Auf dem Kindle Scribe können Sie nicht nur lesen, sondern auch selbst Briefe oder Notizen schreiben. Doch für wen eignet sich das gigantische E-Ink-Tablet, das Amazon ab 370 Euro verkauft?
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04.09.2022
Kindle Scribe: Der „Big Ham“ unter den E-Book-Readern
Zuerst das Aussehen. Mit den handlichen kleinen Lesegeräten der Produktfamilie hat der Kindle Scribe wenig gemeinsam. Der Bildschirm misst satte 10,2 Zoll und ist damit 3,4 Zoll größer als beim Vorgänger-Luxusmodell Oasis. Dazu kommt ein dicker Rand, der wohl hauptsächlich zum Halten dient. Die Gesamtbreite beträgt 19,5 Zentimeter und die Höhe etwa 22 Zentimeter. Mit der richtigen Kappe können Sie in beide Richtungen zwei weitere Zentimeter hinzufügen.
Das wirkt sich natürlich auch auf das Gewicht aus. Mit einer Hand in der Hängematte liegend, liest nur Arnold Schwarzenegger mit dem Scribe. Allein das Gerät wiegt 431 Gramm, mit Stift und Hülle sind es 650 Gramm. Zum Vergleich: Der einfache Kindle (hier im Stern-Test) wiegt 157 Gramm.
Natürlich eignet sich der Kindle Scribe auch zum Lesen von Büchern, aber dafür gibt es bessere Möglichkeiten.
© stern / Christian Hensen
Denn: Das Innenleben hat alles. Der Kindle Scribe wird von 35 LEDs beleuchtet und bietet trotz seiner großen Diagonale eine Pixeldichte von 300 ppi, was ein gut ausgeleuchtetes und extrem scharfes Bild garantiert. Der Speicher liegt zwischen 16 und 64 Gigabyte, der Aufpreis pro Variante ist überschaubar. Amazon rät: „Wenn Sie hauptsächlich E-Books und Dokumente lesen, sollten Sie mit 16 GB gut auskommen. Wenn Sie viele Audible-Hörbücher hören, können Sie auch ein Modell mit 32 oder 64 GB Speicher wählen.“ Kurze Einführung: Mit Kopfhörern ist es möglich, den Kindle als Hörbuch-Player zu verwenden.
Der Stift ist im Preis inbegriffen, die günstigste Variante mit 16 Gigabyte und Standard-Eingabestift kostet 370 Euro, das größte Modell mit 64 Gigabyte und Premium-Stift liegt bei 450 Euro. Der Premium-Stylus verfügt über einen „Radierer“ und eine Shortcut-Taste, die mit verschiedenen Funktionen belegt werden kann. Amazon bietet auch passende Etuis an, die Stoffvariante kostet 63 Euro, das Ledermodell 90 Euro. Alles zusammen, mit einem luxuriösen Scribe-Etui und Leder, liegt bei maximal 540 Euro.
Die Rechnung ist deshalb so interessant, weil der Hauptkonkurrent des Kindle Scribe, das E-Ink-Tablet „Remarkable 2“, mit ähnlicher Ausstattung fast 100 Euro teurer ist. Auch die Basisversion ist teurer als das Einstiegsmodell von Amazon.
Kindle Scribe für Buchhändler
Das Wichtigste zuerst: Wer mit dem Kindle Scribe nur Bücher lesen möchte, trifft die absolut falsche Wahl. Zwar ermüden die Augen auf dem großen Bildschirm auch bei langen Texten nicht, die Arme werden durch das große Gewicht mit der Zeit sehr schwer. Da man mit dem Kindle Scribe zwar Bücher im Querformat lesen kann, aber keine Möglichkeit hat, mehrere Seiten nebeneinander anzuzeigen, bietet das große Gerät keine wirklichen Vorteile gegenüber einem herkömmlichen Kindle oder einem der oberen Modelle
Anders sieht es aus, wenn Sie auf Ihrem Gerät durch (farblose) Comics oder Mangas blättern möchten. Natürlich spielt der große Bildschirm mit Zeichnungen seine Stärken aus und es sieht so aus, als hätte man wirklich das entsprechende Heft in der Hand.
Unabhängig von den Inhalten auf dem Bildschirm ist die Beleuchtung des Kindle Scribe sehr gelungen, die einstellbare Farbtemperatur macht es einfach, die Augen nicht zu überanstrengen. Aufgrund der enormen Abmessungen sind auch genügend Akkuzellen an Bord, um das Gerät wochenlang mit Strom zu versorgen.
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Kindle Scribe für Autoren
Die wohl größte und beste Funktion des Kindle Scribe ist die Möglichkeit, auf dem Gerät zu schreiben. Der Stift, beim Testgerät die Premium-Variante, liegt perfekt in der Hand und das Schreiben auf dem Bildschirm fühlt sich ein bisschen an, als würde man etwas zu Papier bringen. Die Oberfläche des Kindle Scribe fühlt sich etwas rau an und vermittelt den Eindruck einer Art Feedback, das man von Stiften kennt.
Und noch etwas hat der Kindle Pen mit einem Kugelschreiber gemeinsam: Er hat keine Batterie und das einzige, was man zu jedem Jubiläum ersetzen muss, ist die Mine. Beim Kindle ist es die Stylus-Spitze, die sich mit der Zeit abnutzt. Wenn Sie den Stift nicht benötigen, wird er entweder magnetisch an der Seite befestigt oder befindet sich in der Box.
Auf dem Kindle Scribe können mehrere Dokumente bearbeitet oder geschrieben werden. Notizbücher gibt es in vielen Formen, einschließlich To-Do-Listen. In Büchern lassen sich Notizen hinterlegen, die mit kleinen Symbolen im Text hinterlegt sind und mit einem Tipp handschriftliche Informationen preisgeben. Über eine E-Mail-Funktion lassen sich auch Word-Dokumente oder PDF-Dateien an das Tablet schicken, die dann mit dem Stift bearbeitet werden können. Die oben genannten Notizen sind in Word-Dokumenten verfügbar, und in PDF-Dateien können Sie sogar frei malen, schreiben oder markieren. Wenn es fertig ist, wird es per E-Mail an den Absender gesendet. Wirklich praktisch.
Die größte Stärke des Kindle Scribe ist noch nicht ausgereift: handschriftliche Notizen.
© stern / Christian Hensen
Allerdings scheint Amazon den Kindle Scribe an dieser Stelle nicht zu Ende gedacht zu haben. Denn dem Gerät fehlen zwei wichtige Eigenschaften für das perfekte Notizgerät. Es ist nicht möglich, externe Dokumente auf Kindle Scribe hochzuladen, außer per E-Mail. Eine Anbindung an Cloud-Netzwerke wie OneDrive oder Dropbox ist nicht möglich, die Dokumentenbearbeitung ist immer mit dem Versand von E-Mails verbunden.
Außerdem unterstützt der Kindle keine Handschrifterkennung, auch bekannt als OCR (Optical Character Recognition). Das bedeutet, dass das Gerät keine Notizen schreiben, die Schriftart ändern oder anderweitig verarbeiten kann. Jeder Zettel ist und bleibt Ihre eigene Handschrift, was im Falle einer „Saugklaue“ zu Lesbarkeitsproblemen führen kann.
Auf Nachfrage wollte sich Amazon nicht dazu äußern, ob diese Funktion später hinzugefügt wird.
Fazit: Der Kindle Scribe hat eine primäre Zielgruppe
370 Euro für einen E-Book-Reader, leider. Für traditionell recht günstige E-Ink-Geräte ist das wirklich ein stolzer Preis, den Käufer irgendwie rechtfertigen müssen. Daher könnte der Kindle Scribe Schwierigkeiten haben, in diesen Markt einzudringen. Die Qualität des Displays ist über jeden Zweifel erhaben und auch bei der Schreibfunktion hat Amazon ganze Arbeit geleistet. Es macht viel Spaß mit dem Gerät zu arbeiten oder einen bildgewaltigen Manga darauf zu lesen.
Aufgrund der fehlenden Anbindung an externe Dokumentenspeicher und dem scheinbar bewussten Verzicht auf OCR dürften viele Interessenten eher in Richtung der „Remarkable 2“ blicken. Amazon selbst sieht als Zielgruppe Menschen, „die gerne ungestört wie Papier lesen und sich Notizen machen oder relevante Passagen markieren möchten, sowie Menschen, die lieber handgeschriebene Notizbücher, Tagebücher oder To-do-Listen führen“. Ob es reicht, wird sich zeigen.
Was das Lesen von Büchern betrifft, ist es wahrscheinlich am besten, sich woanders umzusehen. Das hohe Gewicht und die fehlende Mehrseitenanzeige machen das Gerät im Vergleich zu Mainstream-Alternativen wie dem Kindle Paperwhite oder dem Tolino eher uninteressant.
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