Stand: 22.06.2022 11:24 Uhr
Bei einem heftigen Erdbeben im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet sind nach offiziellen Angaben mehr als 900 Menschen ums Leben gekommen. Mindestens 600 weitere wurden verletzt und Dutzende Häuser zerstört.
Ein heftiges Erdbeben hat am Dienstagabend Afghanistan an der Grenze zu Pakistan erschüttert. Nach Angaben des afghanischen Katastrophenschutzministeriums kamen mehr als 900 Menschen ums Leben. Mindestens 600 Menschen wurden bei dem Beben verletzt. Zuletzt wurden die Opferzahlen massiv nach oben korrigiert. Taliban-Behörden sprachen auch von Dutzenden zerstörter Häuser in den Provinzen Paktika und Khost. Laut lokalen Medien wurde ein Dorf komplett zerstört.
Rettungskräfte fliegen mit Hubschraubern zur Absturzstelle. Der stellvertretende Regierungssprecher Bilal Karimi sprach von vielen Menschen, die in zerstörten Häusern begraben wurden. „Wir fordern humanitäre Organisationen auf, den Opfern des Erdbebens unverzüglich Hilfe zu leisten, um eine humanitäre Katastrophe zu verhindern“, sagte Karimi auf Twitter.
„Ein zweites Erdbeben soll stattgefunden haben“, Sibylle Licht, ARD Neu-Delhi, jetzt Kabul
tagesschau24 09:00 Uhr, 22.6.2022
Jakub Mansor, ein Stammeshäuptling in der Provinz Paktika, sagte, organisierte überlebende Bewohner würden sich selbst helfen. „Lokale Märkte sind geschlossen und alle sind in die betroffenen Gebiete geeilt“, sagte er. Viele Verletzte aus dem Bezirk Giyan wurden ins Krankenhaus gebracht.
Unterschiedliche Stärkeangaben
Angaben zur Stärke des Erdbebens variieren. Während die pakistanischen Behörden das Beben mit einer Stärke von 6,1 angaben, meldete der U.S. Earthquake Monitor (USGS) eine Stärke von 5,9 und ein etwas schwächeres Nachbeben. Demzufolge ereignete sich das Beben etwa 50 Kilometer südwestlich der Stadt Khost, nahe der Grenze zu Pakistan, in einer Tiefe von etwa zehn Kilometern.
Nach Angaben der USGS ereignete sich an fast derselben Stelle zur gleichen Zeit ein zweites Erdbeben der Stärke 4,5. Die Beben waren in mehreren Provinzen und auch im rund 200 Kilometer entfernten Kabul zu spüren.
Die Erschütterungen waren bis nach Pakistan und Indien zu spüren
Das Euro-Mediterranean Seismological Center berichtete, dass 119 Millionen Menschen in einem Umkreis von 500 Kilometern um Afghanistan, Pakistan und Indien die Stärke des Bebens gespürt haben. Pakistanischen Quellen zufolge waren die Beben bis in die Hauptstadt Islamabad und sogar in Lahore im Osten des Landes zu spüren.
Das schwere Erdbeben ereignete sich in der afghanisch-pakistanischen Grenzregion Paktika. Das Zentrum des Bebens lag 50 Kilometer südwestlich der Stadt Chost.
Mancherorts brach Panik aus, aber ersten Berichten zufolge wurden in Pakistan keine Schäden oder Verletzungen bekannt. Nach Angaben der Zivilschutzbehörde versuchten lokale Einsatzkräfte, sich Zugang zu der betroffenen abgelegenen Bergregion zu verschaffen.
Sympathie und mögliche Hilfe aus Europa
Der pakistanische Premierminister Shahbaz Sharif gab eine Erklärung ab, in der er sein Beileid über das Beben ausdrückte und sagte, sein Land werde dem afghanischen Volk Hilfe anbieten.
Auch aus Europa wird Hilfe versprochen. Der Sonderbeauftragte der Europäischen Union für Afghanistan, Tomas Niklasson, schrieb auf Twitter, die EU beobachte die Lage im afghanischen Erdbebengebiet genau und sei “bereit, Nothilfe zu koordinieren und zu leisten”. Sie prüft nach eigenen Angaben auch den Hilfsbedarf im Katastrophengebiet.
Sympathie kam auch aus Rom. Papst Franziskus gedenkt der Opfer des Erdbebens. „Ich bekunde den Verletzten und Betroffenen des Erdbebens meine Verbundenheit“, sagte das Oberhaupt der katholischen Kirche am Ende der Generalaudienz vor Gläubigen und Besuchern auf dem Petersplatz in Rom. Beten Sie besonders für die, die ihr Leben verloren haben, und für ihre Familien. Er hofft auch, dass mit der Hilfe aller das Leid der Menschen in Afghanistan gelindert werden kann.
Katastrophale humanitäre Lage
Erdbeben sind in Afghanistan und insbesondere im Hindukusch-Gebirge keine Seltenheit. Aufgrund der schlechten Bausubstanz vieler afghanischer Häuser sind die Schäden oft verheerend.
Zudem zog sich nach der Machtübernahme der Taliban im Sommer 2021 und dem Abzug westlicher Truppen die internationale Gemeinschaft weitgehend aus Afghanistan zurück. Seitdem hat sich die humanitäre Lage in Afghanistan katastrophal verschlechtert. Es fehlt an Lebensmitteln und Medikamenten. Diese Faktoren könnten die Hilfsmaßnahmen im Erdbebengebiet erheblich beeinträchtigen.
Hunderte Tote und Verletzte bei Erdbeben in Afghanistan – Ein Update
Peter Hornung, ARD Neu-Delhi, 22.6.2022 10:56 Uhr