Kultursoziologe
Welzer kritisiert minutenlangen Applaus für ukrainischen Friedenspreisträger
Stand: 24.10.2022 | Lesezeit: 2 Minuten
Harald Welzer, Soziologe und Publizist, beim Literaturfestival lit.Cologne Spezial
Quelle: dpa/Rolf Vennenbernd
Am Sonntag erhielt der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. In seiner Dankesrede warnte er vor falschem Pazifismus. Der Soziologe Harald Welzer kritisierte den langen Applaus für die Rede.
Der Soziologe Harald Welzer hat die minutenlangen Standing Ovations für den ukrainischen Autor Serhij Zhadan bei der Friedenspreisverleihung in der Frankfurter Paulskirche kritisiert. In Deutschland fühlten sich alle ständig berufen, die Perspektive der angegriffenen Ukrainer einzunehmen, sagte Welzer am Montagabend beim Lit.Cologne Spezial in Köln. Tatsächlich ist Deutschland keine Kriegspartei, sondern ein Dritter mit allen Möglichkeiten, die dies zum Wohle der Ukraine eröffnet. “Diese permanente Verwirrung, die bei diesen Äußerungen zu minutenlangem Applaus führt, ist diese ethische Übertreibung.”
In seiner Rede in Frankfurt kritisierte Zhadan einige europäische Intellektuelle und Politiker, die den Ukrainern vorwarfen, sich nicht zu ergeben. Das spricht von falschem Pazifismus. Offensichtlich sind einige bereit, zugunsten des persönlichen materiellen Gewinns “das Böse noch einmal ganz und ungehemmt zu schlucken”.
Welzer sagte in Köln: „Ehrlich gesagt noch eine kritische Anmerkung, für die ich wohl wieder Ärger bekommen werde: die Veränderung des zivilisierten Diskurses, die sich unter anderem in bestimmten Wendungen des Friedenspreisträgers in Bezug auf ihn ausdrückt die Gegner – das verstehe ich psychologisch aus ihrer Sicht, das will ich überhaupt nicht kritisieren – aber sie sind kein Beitrag zur Zivilisation, sie sind Teil eines von anderen initiierten Entzivilisierungsprozesses und die eigentliche Kulturleistung von uns, den Dritten, würde gerade darin bestehen, uns nicht in diesen Prozess der Entzivilisierung hineinziehen zu lassen”.