Sex als Übertragungsweg? Affenpocken-Erreger in Affenhoden gefunden
Von Jana Zeh, 18.10.2022, 19:10
Noch immer erkranken Menschen auf der ganzen Welt an Affenpocken, auch in Deutschland. Daher ist es wichtig zu wissen, wie das Virus von Mensch zu Mensch übertragen wird. Nun gibt es Hinweise auf einen bisher unbekannten Übertragungsweg.
Die Erreger der Affenpocken finden sich auch in Hoden und Samen infizierter Affen. Das haben Forscher unter der Leitung von Jun Liu vom US Army Medical Research Institute of Infectious Diseases (USAMRIID) in Fort Detrick herausgefunden. Ihre Forschungsergebnisse, die in der Fachzeitschrift „Nature Microbiology“ veröffentlicht wurden, weisen darauf hin, dass das Affenpockenvirus auch sexuell auf den Menschen übertragbar ist.
Elektromikroskopische Aufnahme des Affenpockenvirus in verschiedenen Reifestadien.
(Foto: IMAGO/UIG)
Bisher ging man davon aus, dass Affenpocken keine sexuell übertragbare Infektion sind. Die Übertragung beschränkt sich auf engen physischen Kontakt zwischen Menschen durch Tröpfchen in der Luft, aber auch durch Kontakt mit Kleidung, Bettzeug, Handtüchern und Essgeschirr einer Person, die sich mit den Pocken infiziert hat Eine Ansteckung durch Sperma oder Vaginalsekret wurde nur für möglich gehalten, ist aber noch nicht bewiesen. Ergebnisse von USAMRIID-Forschern liefern nun weitere Hinweise darauf, dass sich Menschen auch direkt beim Sex anstecken können.
In fast allen Proben
Für die Studie untersuchte das Forscherteam Hodengewebe von 21 mit dem Virus infizierten Langschwanzmakaken (Macaca fascicularis) in verschiedenen Krankheitsphasen. „Wir haben Gewebeproben untersucht, die sowohl während der akuten Krankheitsphase als auch während der Rekonvaleszenzphase entnommen wurden, also wenn die Infektion allmählich abklingt“, erklärt Xiankun Zeng, der ebenfalls an der Studie beteiligt war, laut Aussage der High School
Fälle nach Ländern Entwicklung seit Mai 2022 Übersicht: Weltkarte
Das Forscherteam fand in 18 der 21 Gewebeproben Affenpocken-Antigene. Hinweise auf Affenpocken wurden auch in Zellen und Hodenkanälchen gefunden, die mit der Spermienproduktion und -reifung in Verbindung stehen. Die Forscher sahen auch, dass die Viren zwar in den meisten Organen und selbst in abgeheilten Hautläsionen während der Rekonvaleszenz nicht mehr nachweisbar waren, die Erreger aber noch bis zu 37 Tage nach der Infektion in den Hoden der Makaken vorhanden waren.
Viren können lange im Sperma verbleiben
„Unsere Daten zeigen, dass das Affenpockenvirus während der akuten und rekonvaleszenten Phase der Krankheit in den Samen von Makaken ausgeschieden werden kann“, sagte Zeng. „Deshalb erscheint es plausibel, dass eine Übertragung auf den Menschen bei rekonvaleszenten männlichen Patienten auch durch Spermien erfolgen kann“, sagt Zeng. Auch wenn Infizierte sich wieder gesund fühlen und keine Hautläsionen mehr haben. Forscher können sich vorstellen, dass das Immunsystem dafür verantwortlich ist. Sie konnten in vorangegangenen Studien zeigen, dass die Erreger von Ebola, Marburg-, Nipah- und Krim-Kongo-Fieber in bestimmten Organen von Primaten persistieren können. Dazu gehören die Augen, das Gehirn und die Hoden. Diese Organe sind für das Immunsystem nur teilweise zugänglich.
Weitere Studien sind jedoch dringend notwendig, um mit Sicherheit sagen zu können, ob auch Samen von infizierten Personen zu einer Mensch-zu-Mensch-Übertragung des Affenpockenvirus führen, insbesondere nach Abheilung von Hautläsionen. Eines ist jedoch sicher: Affenpocken haben das Potenzial, eine sexuell übertragbare Krankheit zu werden.